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Welches Geschäftsmodell für den 3D-Druck? Interview mit Prof. Thierry Rayna

Auf 28. Mai 2015 von Alexander H. veröffentlicht

Thierry Rayna, ist heute Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Novancia Business School Paris und hat zuvor an den renommierten Universitäten Imperial College of London und Moscow State University unterrichtet. Er ist ebenfalls Experte auf dem Gebiet der digitalen Industrie und widmet einen großen Teil seiner Arbeit den neuesten Entwicklungen der 3D-Druck-Technologien. Wir freuen uns sehr, dass er sich heute die Zeit nimmt auf unsere Fragen zu antworten.

Le Pr. Thierry Rayna enseigne à la Novancia Business School

Prof. Thierry Rayna unterrichtet an der Novancia Business School Paris

3DN : Was sind Ihrer Meinung nach die aktuellen Herausforderungen im Bildungswesen hinsichtlich digitaler Medien und insbesondere des 3D-Drucks in der Schule?

Kinder sollten auf jeden Fall schon sehr früh mit dieser, teils sehr komplexen Technologie vertraut gemacht werden. Der 3D-Druck ist ein Werkzeug um Dinge zu ‚machen’ und auszuprobieren und ich denke, dass die Kinder durch ihre Kreativität und Intuition sehr gut auf diesem Gebiet sind und außerdem die Zeit haben zu experimentieren und Dinge auszuprobieren.

Wir werden mehr und mehr dazu gebracht, Produktionsinstrumente zu nutzen, sei es die digitale Fotografie, Zeichensoftwares oder aber den 3D-Druck, der noch einmal einen Schritt weiter geht. Die Generationen von morgen müssen unbedingt mit diesen Werkzeugen vertraut sein, um über neue Anwendungsmöglichkeiten nachzudenken.

Der 3D-Druck findet bereits viele Anwendungen in der Schule, so werden zum Beispiel bekannte Sehenswürdigkeiten, Vulkane, Tiere, geometrische Formen, Moleküle, etc. gedruckt. Es genügt jedoch nicht nur, die Schulen mit den 3D-Druckern auszustatten, sondern es ist sehr wichtig, dass es in jeder Bildungseinrichtung ein oder zwei Experten gibt, die wirklich mit dieser Technik vertraut sind und so zur Demokratisierung dieser Werkzeuge beitragen.

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In England hat das Schulministerium £500.000 zur Ausstattung öffentlicher Schulen mit 3D-Druckern zur Verfügung gestellt

Es ist keine nebensächliche Frage mehr, ob wir unserer Jugend Zugang zum 3D-Druck ermöglichen. Es besteht früher oder später ein hohes Risiko, für ein Land wie Frankreich, seine Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren und durch diesen Verzug in 10 oder 20 Jahren in enormen Nachholbedarf zu geraten. Während mehr und mehr Länder ihren Nachwuchs über diese Instrumente ausbilden, benötigen wir auch Fachleute auf nationaler Ebene in diesem Bereich. Die berühmte „Re-Industrialisierung“ ist ohne dies nicht möglich. Die Programmiersprache ist bereits in den Schulen angekommen und ich hoffe, dass wir nicht noch 20 Jahre warten müssen, bis dass auch die Werkzeuge zum 3D-Design und zum 3D-Druck in den Schulen unterrichtet werden.

3DN : Welches Projekt auf dem 3D-Druck-Markt hat Sie in der letzten Zeit am meisten beeindruckt?

Um ehrlich zu sein – kein Projekt im Speziellen, auch wenn ständig spannende Dinge passieren. Einmal die anfängliche Begeisterung überwunden, finde ich dass es in letzter Zeit nicht besonders viel Neues gibt. Der 3D-Druck entwickelt sich weiter, aber die Entwicklungen verlaufen ziemlich linear – ich würde sagen der Weg ist so gut wie gepflastert, es sind Dinge, die bereits zu erwarten waren: geringere Kosten, erhöhte Geschwindigkeit, verbesserte Qualität und mehr Materialien.

Was die Dienstleistungen betrifft gibt es bereits Plattformen, die Designs verkaufen und solche, die Dinge ausdrucken, aber es geht nicht viel darüber hinaus. Was noch fehlt, ist eine umfassende Lösung, die alles verbindet und eine stärkere Personalisierung bzw. die Co-Kreation der Bauteile ermöglicht. Der Aspekt des Crowdsourcing wird oft vernachlässigt und die Plattformen verfügen über „Businessmodells“, die wenig kreativ sind und die eigentlichen Möglichkeiten des 3D-Drucks nicht vollständig ausnutzen.

La plateforme 3D Hubs veut connecter l'ensemble des propriétaires d'imprimantes 3D sur son site

3D Hubs bietet einen Onlineservice zum 3D-Druck an, auf Basis eines Netzwerkes mit weltweit über 10.000 3D-Druckern

Der Grund? Ich sehe einen Nachholbedarf was die Verbreitung der Technologie angeht, insbesondere in Sachen Onlinediensten. Es gibt Grenzen zwischen den innovativen Pionieren, die über das Wissen verfügen und der großen Mehrheit, die den 3D-Druck gerne anwenden würde aber nicht das notwendige Know-How hat. Es erfordert eine Plattform die diese beiden Einheiten verbindet.

3DN : Welche Zukunft sehen Sie für die additive Fertigung und welche für den personellen 3D-Druck?

Es ist nicht einfach abzusehen, in welche Richtung es in den nächsten Jahren gehen wird, da dies von verschiedenen Faktoren abhängt. Von der Technologie, den Diensten und Services, die sich um die 3D-Drucker herum entwickeln, aber auch von der Gesetzgebung. Nach derzeitigem Stand kann ich mir ein Modell auf Basis lokaler Produktion gut vorstellen (durch die Entstehung sogenannter „Print Shops“), nicht zwangsläufig ein Modell der „häuslichen“ Produktion.

En France, La Poste développe depuis 2013 un service d'impression 3D en magasin

‚La Poste‘ bietet in Frankreich seit 2013 einen 3D-Druck Service in 6 ihrer Filialen an

Im Grunde hängt sehr viel von den Dienstleistungen ab, die sich in den kommenden Jahren entwickeln. Wenn sich nichts Neuartiges ergibt, werden die Verbraucher zweifellos die Dinge selbst in die Hand nehmen und so können sich „alternative“ Vertriebsmethoden, wie wir es bereits in der Buch-, Film- und Musikindustrie beobachten konnten, auch für die Distribution der Objekte entwickeln (die in der Regel nicht immer legal sind).

Schließlich kann man sich auch eine Annäherung von Produktdesign und –vertrieb vorstellen, indem individuelle Produkte über einen Massenmarkt vertrieben werden. Auf diesem Bereich werden eventuell die wichtigsten Veränderungen auftreten. Die Idee ist es, alles zu überdenken. Vielleicht werden wir keine Gegenstände mehr verkaufen, sondern nur noch digitale 3D-Modelle. Vielleicht besitzen die Produkte in Zukunft auch alle eine Nutzungslizenz. Durch die Digitalisierung kann sich alles verändern. Aus diesem Grund braucht es Leute, die in der Lage sind, eine neue Denkweise zu entwickeln.

À New-York, la boutique Normal propose d'imprimer directement en magasin des écouteurs d'oreilles personnalisés

Das Start-Up ‚Normal‘ aus New-York bietet seiner Kundschaft den direkten Druck personalisierter Kopfhörer vor Ort an

3DN : Vor einiger Zeit hat das französische Senat die Idee aufgeworfen, eine Steuer auf den 3D-Druck zu erheben, welche rechtlichen Rahmenbedingungen kann man sich in der Zukunft für diese Technologie vorstellen?

Das hängt davon ab, aus welchem Winkel man die Sache betrachtet. Was die Frage des geistigen Eigentums betrifft, sind die Rechtsvorschriften bereits weitgehend ausreichend (um klarzustellen – kein Gesetz kann die Piraterie verhindern, sondern es erfordert ein gutes Geschäftsmodell um die Raubkopie für die Verbraucher uninteressant zu machen).

In Sachen „Verantwortlichkeit“ erfordert es hingegen noch einigen Anpassungen und Konkretisierungen. Wer wird beispielsweise bei einen Verkehrsunfall, verursacht durch den Defekt eines 3D-gedruckten Ersatzteils zur Verantwortung gezogen? Der Eigentümer des Druckers, sein Hersteller, der Hersteller des Materials, der Designer oder die Marke des Produktes?

Le 17 avril dernier, les sénateurs socialistes porposaient un projet de redevance copie privée pour l’impression 3D. Il a finalement été rejeté.

Am 17. April 2015 schlugen die sozialistischen Senatoren in Frankreich eine Abgabepflicht für den privaten 3D-Druck vor. Die Änderungen des Macron-Gesetzes wurden schließlich abgelehnt.

Ich persönlich halte eine Steuer für kontraproduktiv, da sie die Innovation durch Entstehung zusätzlicher Kosten ausbremst und sich die Technologie dadurch nicht in dem Maße verbreitet, wie es ohne Steuer der Fall wäre.

Anstatt die Kosten anzuheben, sollten sie im Gegensatz dazu eher gesenkt werden, um die Verbreitung der Technologie zu unterstützen und zu beschleunigen. Der 3D-Druck ist eine sehr wichtige Quelle der Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. Indem man ihre Integrierung ausbremst, bremst man gleichzeitig auch die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft aus.

3DN : Ein abschließendes Wort an unsere Leser?

Die Leute fragen sich oft, ob der 3D-Druck nicht nur eine Modeerscheinung ist. Jedoch kann man fest davon ausgehen, dass der 3D-Druck kommen wird, nicht unbedingt jetzt gleich, aber die „industrielle Revolution“, die durch den 3D-Druck hervorgerufen wird hat bereits begonnen. Deshalb ist es wichtig über mögliche Anwendungen und Chancen nachzudenken, was man machen kann und welche Dienstleistungen und Services man entwickeln kann.

Die Länder und Unternehmen, die vorausschauend handeln und Dinge antizipieren, werden die großen Gewinner von morgen sein. Die aber, die die neuen Gegebenheiten und Herausforderungen nicht annehmen, riskieren einen großen Rückstand. Der Zug des 3D-Drucks rollt bereits, wer jetzt nicht aufspringt läuft Gefahr ihn zu verpassen!

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