3Dnatives Labor: Test des Snapmaker U1

Lange Zeit stand Snapmaker für vielseitige Maschinen der digitalen Fertigung, die 3D-Druck, CNC-Bearbeitung und Lasergravur in einem Gerät vereinten. Seit einigen Jahren vollzieht das Unternehmen jedoch einen klaren strategischen Wandel. Nach dem Erfolg der Modelle Snapmaker 2.0 und Artisan richtet sich die Marke zunehmend auf spezialisierte 3D-Drucker aus und entfernt sich damit bewusst vom ursprünglichen „All-in-One“-Ansatz, der sie bei Anwender:innen bekannt gemacht hat. Die U1 ist der bislang deutlichste Ausdruck dieser Entwicklung: Eine Maschine, die sich vollständig auf den Multi-Material-3D-Druck konzentriert und mit einem automatischen Werkzeugwechselsystem für vier Druckköpfe ausgestattet ist.
Vor der Markteinführung über Kickstarter finanziert, tritt die U1 in ein hart umkämpftes Segment ein, das von Bambu Lab mit seinem AMS-System, Prusa Research mit dem MMU3 und Creality mit dem CFS geprägt wird. Ihr entscheidender Vorteil liegt im mechanischen Tool-Changer: Anders als bei Systemen mit Spülen und Nachladen soll hier der Filamentverbrauch deutlich reduziert werden. Im 3Dnatives-Lab haben wir getestet, ob dieses Versprechen auch im Alltag standhält.

1. Erster Eindruck und technische Merkmale
Die U1 präsentiert sich in einem modernen, minimalistischen Design, ganz im Stil aktueller Trends. Mechanik und Elektronik sind hinter spritzgegossenen Kunststoffpanelen verborgen, was der Maschine ein sauberes, industrielles Erscheinungsbild verleiht. Eine Glastür an der Front sowie eine transparente Rückwand ermöglichen einen freien Blick in den Bauraum – zumindest theoretisch. In der Praxis hängt die Sicht von hinten stark von der Aufstellung ab: Steht die Maschine, wie meist üblich, an einer Wand, ist die Rückseite kaum einsehbar.
Ein Punkt dürfte langjährige Snapmaker-Nutzer:innen überraschen: Im Gegensatz zu den früheren, robust wirkenden Metallgehäusen der Modelle 2.0 und Artisan setzt die U1 stark auf Kunststoff. Das wirkt zunächst weniger hochwertig, greift aber zu kurz. Die Verkleidung dient vor allem der Optik und dem Schutz und hat keinen negativen Einfluss auf Stabilität oder Druckqualität. Lediglich die Seitenpaneele geben minimal nach, wenn beide Spulenhalter mit jeweils einem Kilogramm Filament bestückt sind – ein optischer Makel ohne Auswirkungen auf die Druckergebnisse.
Im Alltag fällt allerdings ein ergonomisches Detail auf: Der USB-Anschluss zum Übertragen von Dateien befindet sich auf der Rückseite. Das wirkt zunächst unproblematisch, passt aber nicht ganz zur restlichen Gestaltung. Snapmaker hat die vier Spulenhalter bewusst seitlich angebracht – ein Hinweis darauf, dass die Rückseite nicht als Bedienbereich gedacht ist. Den USB-Port genau dort zu platzieren, widerspricht der sonst durchdachten Nutzungskonzeption der Maschine. Eine Position auf der Oberseite hätte sich besser angeboten, ohne das Design zu stören.

Der USB-Anschluss an der Rückseite des Geräts ist schwer zugänglich.
Auch das Spulenhaltersystem ist erwähnenswert: Die vier Halterungen (je zwei pro Seite) sind offen und verfügen über keine integrierte Filamenttrocknung. Für Anwender:innen in feuchten Umgebungen oder beim Einsatz hygroskopischer Materialien wie PETG, Nylon oder TPU ist das ein Punkt, den man im Blick behalten sollte – vor allem bei langen Druckaufträgen.
Die integrierte Beleuchtung besteht aus zwei LED-Leisten und ist ausreichend für gut beleuchtete Räume. In dunkleren Umgebungen stößt sie jedoch an ihre Grenzen, wwodurch die Nutzung der integrierten Kamera, die sich rechts im Bauraum befindet, nur eingeschränkt sinnvoll ist.
2. Installation und Inbetriebnahme
Der Aufbau der U1 besteht hauptsächlich darin, die vier Druckköpfe in das Tool-Changer-System einzusetzen und die entsprechenden Kabel anzuschließen. Für erfahrene Anwender:innen dauert das etwa 30 bis 45 Minuten, Einsteiger:innen können durchaus bis zu einer Stunde benötigen. Es handelt sich nicht um einen klassischen Bausatz, aber auch nicht um echtes Plug-and-Play – ein gewisses technisches Verständnis ist erforderlich. Die Anleitung ist insgesamt gut strukturiert und verständlich, mit hilfreichen Illustrationen, guter Detailtiefe und insgesamt sorgfältiger Aufbereitung.
Ein kleiner Stolperstein ist jedoch die Installation der PTFE-Schläuche: Es liegen zwei Varianten mit unterschiedlichen Durchmessern bei, die für verschiedene Filamentwege gedacht sind – darauf wird im Handbuch jedoch nicht explizit hingewiesen. In der Praxis fällt der Fehler schnell auf, da die falschen Schläuche nicht passen, aber eine klarere Kennzeichnung hätte unnötige Verwirrung vermieden. Das ist zwar nur ein Detail, weist aber auf eine mögliche Verbesserung des Onboarding-Erlebnisses hin, zumal sich Snapmaker ausdrücklich an einzelne Anwender:innen und Bildungseinrichtungen richtet.

Der Snapmaker U1 verfügt über 4 Druckköpfe.
Nach dem Aufbau erfolgt die Kalibrierung über ein 3,5-Zoll-Farb-Touchdisplay an der Front. Der Prozess ist Schritt für Schritt geführt, das Druckbett wird automatisch nivelliert und die Offsets zwischen den vier Werkzeugen werden eingestellt – ein entscheidender Faktor für saubere Multi-Tool-Drucke. Im Test verlief dieser Vorgang problemlos und lieferte sofort nutzbare Ergebnisse.
Die Benutzeroberfläche ist übersichtlich und reagiert schnell. Ein Nachteil ist allerdings die feste Position des Displays: Es lässt sich weder neigen noch drehen. Je nachdem, in welcher Höhe das Gerät aufgestellt wird (auf einem hohen Regal oder auf einem niedrigen Beistelltisch), kann der Lesewinkel unangenehm werden. Dies ist ein bewusstes Zugeständnis zugunsten einer harmonischen optischen Integration, dessen praktische Auswirkungen jedoch im Voraus bedacht werden sollten.
3. Software und Anwendungen
Auf der Softwareseite läuft die U1 mit Klipper in Verbindung mit Fluidd – eine Kombination, die zweifellos eines der stärksten Argumente für technisch versierte Anwender:innen darstellt. Klipper ist eine Open-Source-Firmware, die für ihre Flexibilität, hohe Geschwindigkeit und ihr Ökosystem an anpassbaren Makros bekannt ist. Dass Snapmaker seinen Drucker nicht in ein geschlossenes, proprietäres Ökosystem einsperrt, ist eine mutige Entscheidung und passt gut zur Ausrichtung der Maschine. Anwender:innen können direkt über die IP-Adresse im lokalen Netzwerk auf die Fluidd-Oberfläche zugreifen, Logs einsehen, Klipper-Einstellungen anpassen und eigene Makros erstellen – eine Freiheit, die weder Bambu Lab noch Creality standardmäßig bieten.
Der mitgelieferte Slicer, Snapmaker Orca, basiert auf OrcaSlicer und wurde um spezifische Profile für die U1 und ihr Werkzeugwechselsystem erweitert. Wer OrcaSlicer bereits nutzt, findet sich sofort zurecht: Benutzeroberfläche, Menüs und Logik sind identisch. Die Verwaltung der vier Werkzeuge ist klar strukturiert, mit Farb- und Materialzuordnung pro Druckkopf sowie vorkonfigurierten Wechselprofilen.

Die Slicer-Software Snapmaker Orca basiert auf der Open-Source-Software OrcaSlicer.
Die Unterstützung des RFID-Systems ähnelt den Lösungen der Konkurrenz – eine gängige, aber dennoch willkommene Funktion: Wird eine mit RFID-Chip ausgestattete Snapmaker-Spule in einen der Zuführer eingesetzt, erkennt die Maschine automatisch Material und Farbe und wendet das passende Druckprofil an. Das erleichtert die Handhabung und reduziert Konfigurationsfehler. Allerdings ist die Funktion auf Originalmaterialien der Marke beschränkt; Filamente von Drittanbietern müssen weiterhin manuell eingerichtet werden. Ein in der Branche üblicher Kompromiss, den Anwender:innen im Hinterkopf behalten sollten, insbesondere wenn sie überwiegend generische Spulen nutzen.
Die mobile App hinkt im Vergleich zum Ökosystem von Bambu Lab deutlich hinterher. Zwar lassen sich laufende Drucke überwachen, der Status der Maschine abrufen und der Kamerastream einsehen, doch ein direkter Druckstart aus einer Modellbibliothek auf dem Smartphone ist nicht möglich. Diese Funktion ist bei Bambu Lab über MakerWorld bereits integriert und zwingt Anwender:innen der U1 dazu, ihre Drucke weiterhin über einen Computer zu starten. Hinzu kommt ein wiederkehrender Fehler: Die Maschine wird im Slicer und in der App gelegentlich als „offline“ angezeigt, obwohl sie korrekt mit dem Netzwerk verbunden ist. In der Regel lässt sich das durch einen Neustart beheben, dennoch zeigt sich hier, dass die Netzwerkintegration softwareseitig noch nicht ganz ausgereift ist.
4. Erste 3D-Drucke
Das Herzstück der U1 ist ihr Werkzeugwechselsystem mit vier unabhängigen Druckköpfen. Im Gegensatz zu Spül- und Nachladesystemen wie dem AMS von Bambu Lab, dem MMU3 von Prusa oder dem CFS von Creality behält jeder Druckkopf dauerhaft sein eigenes Filament im Hotend. Der Wechsel zwischen den Werkzeugen erfolgt rein mechanisch: Der aktive Kopf wird in seiner magnetischen Halterung abgelegt, der nächste in wenigen Hundertstelsekunden aufgenommen und arretiert.
Das Ergebnis: Der Materialverlust bei Farb- oder Materialwechseln ist nahezu null. Während Systeme wie das AMS bei jedem Wechsel mehrere Dutzend Zentimeter Filament zum Ausspülen der vorherigen Farbe verbrauchen, fällt bei der U1 nur eine minimale Menge an Spülmaterial an. Gerade bei Projekten mit vielen Übergängen macht sich die Materialersparnis deutlich bemerkbar.
In unseren Tests mit Mehrfarbendrucken auf Figuren und dekorativen Objekten aus PLA erwiesen sich die Übergänge als bemerkenswert zuverlässig und sauber. Auch die mechanische Zuverlässigkeit des Docks überzeugt: keine falsch positionierten Werkzeuge, keine Kollisionen während der Wechselvorgänge. Ein einmaliger kleiner Fehler auf der Z-Achse beim allerersten Start – vermutlich verursacht durch eine leichte Vibration während der Initialisierung – trat anschließend nicht mehr auf und deutet auf ein isoliertes Ereignis ohne strukturelle Auswirkungen hin.

Der Snapmaker U1 verfügt über ein automatisches Filamenteinführungssystem, und die Spulen werden an der Seite des Druckers platziert.
Mehrmaterialdrucke mit Breakaway-Supports lieferten besonders überzeugende Ergebnisse: Die Stützstrukturen lassen sich sauber entfernen, und die Oberflächen sind entsprechend glatt. Möglich wird das durch eine direkte Schnittstelle ohne Abstand zwischen Modell und Support – eine Konfiguration, die sich nur mit einem Multi-Material-System realisieren lässt, ohne dass die Materialien miteinander verschmelzen.
Während des Drucks ist der Lüfter bei hohen Geschwindigkeiten deutlich hörbar. Da die Maschine standardmäßig ohne obere Abdeckung geliefert wird, kann die Geräuschentwicklung auf Dauer störend sein – insbesondere in Arbeits- oder Ruheumgebungen.
Zwei Einschränkungen sollten dennoch klar benannt werden. Erstens: Der Druck mit TPU erwies sich im Test als nicht zuverlässig, mit wiederkehrenden Problemen wie Verstopfungen und Unterextrusion. Flexible Filamente stellen für die meisten Multi-Tool-Systeme eine Herausforderung dar, da die Geometrie der Feeder und PTFE-Schläuche nicht optimal auf deren Flexibilität ausgelegt ist. Zwar empfiehlt Snapmaker, die PTFE-Schläuche umzuleiten, um das Filament direkt in den Direct-Drive-Extruder zu führen, doch diese Lösung funktionierte in unserem Test nicht.
Zweitens: Die Düsen sind als komplette Einheit ausgeführt, inklusive Temperatursensor und Heizblock. Statt nur die Düse auszutauschen, muss das gesamte Modul ersetzt werden. Dieses Konzept ist zwar zunehmend verbreitet, kann aber schnell teurer werden – insbesondere für Anwender:innen, die regelmäßig mit unterschiedlichen Düsendurchmessern oder abrasiven Materialien arbeiten.

Fazit
- Lieferumfang 9.5/10
- Software 8.5/10
- Druckqualität 9.5/10
- Benutzerfreundlichkeit 8.5/10
Vorteile:
- Offene und anpassbare Klipper-/Fluidd-Basis
- Sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
Nachteile:
- Eingeschränktes Software-Ökosystem
- Offene Bauweise
Die Snapmaker U1 ist eine technisch ambitionierte Maschine, die ihr zentrales Ziel erreicht: Multi-Material-Druck mit Werkzeugwechsler zu einem erschwinglichen Preis zugänglich zu machen. Das mechanische Wechselsystem arbeitet zuverlässig, der Filamentverbrauch ist minimal, und die Klipper-/Fluidd-Basis eröffnet erfahrenen Anwender:innen umfangreiche Möglichkeiten zur Individualisierung.
Weniger geeignet ist sie hingegen für alle, die eine vollständig durchoptimierte „Out-of-the-box“-Erfahrung erwarten. Die mobile Software hinkt der Konkurrenz hinterher, und einige Designentscheidungen sind nicht ganz stimmig – etwa das feste Display, das Fehlen eines Filament-Cutters am Hotend oder der USB-Anschluss auf der Rückseite, obwohl dieser Bereich im Alltag schwer zugänglich ist. Diese Punkte schmälern jedoch nicht die grundlegende Leistungsfähigkeit der Maschine, insbesondere im Verhältnis zum Preis, zeigen aber klar, an wen sie sich richtet.
In dieser Preisklasse gehört die U1 zu den überzeugendsten Optionen für Anwender:innen, Studierende oder FabLabs, die einen Multi-Material-Werkzeugwechsler ohne gravierende Leistungseinbußen suchen. Sie richtet sich an alle, die bereit sind, sich ein Stück weit mit der Technik auseinanderzusetzen – und die Konfiguration nicht als Hürde, sondern als festen Bestandteil der digitalen Fertigung verstehen.






